Mittwoch, 21. März 2007

Eindrücke von einer Reise in den Osten

Foto: Tillmann Reinig
Es ist fast schon ein Jahr her, als ich in Kiew war. Und es hat sich vieles verändert. Vor allem die Hoffnung von den Leuten auf ein gutes Leben. Es ist sehr schwer diese Leute zu ermutigen, wenn Du selbst im Ausland lebst...

Sie ist 35, und heißt Katja. Kommt aus einer kleinen Stadt in der West-Ukraine, Kowel, fast an der polnischen Grenze. Eine nette Frau, Krankenschwester von Beruf. Ich begegne ihr im Zug, sie kommt in mein Abteil, und fragt, ob ich Zigaretten habe. Sprich "schmuggle". "Nein, ich unterstütze keine Korruption in meinem Land", - ich antworte ehrlich und irgendwie naiv. Sie guckt etwas verwunderlich, und beginnt auf meinem Bett ihre Packungen mit Zigaretten in neuen schwarzen Männersocken einzupacken, die sie dann in verschiedene Geheimplätze in dem Abteil tut. Sie hat auch Werkzeug dabei, 3 verschiedene Schraubenzieher. Sie macht es ruhig, man kann auch sehen - sie hat es schon im Griff. Seit 5 Jahren schmuggelt sie das Zeug. Noch heute kommt sie nach Hause zurück - sie bleibt nicht in Polen, da überreicht sie das Ganze nur irgendwelchen polnischen Partnern, die es dann in Belgien, Deutschland, usw. verkaufen. Ab und zu guckt irgendwelche Frau in unser Abteil rein - ihre Freundin, oder Geschäftspartnerin.
Katja bekommt für ihre Arbeit als Krankenschwester 380 Hriwen pro Monat. Das sind umgerechnet ungefähr 60 Euro. Pro Monat. Auf meine Frage, wie viele Leute in Kowel schmuggeln, lächelt sie mich an, und sagt "Alle. Die ganze Stadt hätte nicht überleben können, wenn wir kein Polen daneben hätten!" Meine liebe Katja, wenn sie meine Sorgen um 10 Büchsen Sprottenpastete in meiner Tasche sieht, die ich für Sascha gekauft habe, sagt sie einfach, dass ich ihr gern die hälfte vom Zeug auf der Grenze geben kann. Ich mache das nicht, weil ich so wie so ihre Gespräche mit noch einem Geschäftspartner über heutige "Zollschicht" auf der polnischen und ukrainischen Seite höre. Da sind alle ihre Leute, denen sie einfach Geld geben - in der Ukraine, und auch in Polen. Bestechen. Weil ihre Familien sonst evntl verhungern würden.
Als der Zoll kommt, und tut es so, als hätte er bei uns etwas gesucht, und guckt genau nicht da, wo sie etwas versteckt hat, kann ich sehr schwer ein Lächeln verbergen. Auf der polnischen Seite fragt mich ein Mann - da er sieht, dass ich nach Berlin fahre - ob jemand im Abteil etwas versteckt hat. "Nein", ehrlich lüge ich.
Welches Recht habe ich überhaupt mit Katja darüber zu streiten, ob sie das machen darf? Katja, mit ihren 60 Euro im Monat...
Nach der Orangenen Revolution hat sich die Situation kurz verändert, eigentlich ging es ein bisschen besser. Heute hat aber Donezk und Janukowitsch (die Macht gegen deren wir in 2004 demonstriert haben) wieder den ganzen Machtapparat im Griff. Ihre Leute sind im Zoll auf Leitungspositionen, und überall. Das Parlament beschäftigt sich nur damit, irgendwelche wichtige Entscheidungen treffen können damit es ihren Geschäften noch besser geht, eine "lobby-arbeit" ist voll im Gang. Und das ist in der Zeit, wenn 25% der Ukrainer unter der Armutgrenze lebt. In dem Land, dass mehrere Milliardäre in der Forbes-Liste hat, und viele Millionäre im Parlament!
Es gehen Gerüchte in Kiew, dass es im Mai eine neue Revolution geben wird. So ein "Marsch der Gerechtigkeit". Wir haben immer noch eine Hoffnung, dass unser Land irgendwann nicht nur existieren, aber auch leben wird.

Ich werde hinfahren. Auch Freunde, mit denen ich darüber gesprochen habe.
Kommst Du mit?

sl

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